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Die Welfensage

Die hartherzige Gräfin

Hoch oben auf einer Burg bei Weingarten lebte einst ein mächtiger Graf, den die Menschen ehrfürchtig „Herr Isenbard“ nannten. Er war streng, aber gerecht, und die Leute im Schussengau schätzten ihn dafür. Doch seine Frau, die Gräfin Irmentrud, war stolz und hatte ein Herz so hart wie ein gefrorener See im Winter.

Eines Tages kam eine arme Frau zur Burg. Ihr Kleid war zerschlissen, und ihre Kinder hielten sich schüchtern an ihren Rockzipfel fest. „Gnädige Frau“, bat sie die Gräfin flehentlich, „bitte gebt uns etwas Brot. Meine Kinder haben seit Tagen nichts Richtiges gegessen.“

Aber Irmentrud sah die arme Frau nur mit kalten Augen an. „Warum hast du überhaupt so viele Kinder, wenn du nicht für sie sorgen kannst?“ schimpfte sie. Die arme Frau senkte traurig den Kopf, doch dann blickte sie die Gräfin an und sprach mit bebender Stimme: „So wahr ich lebe, ich wünsche dir, dass du eines Tages zwölf Kinder auf einmal bekommst!“

Die Gräfin lachte nur spöttisch, aber die Worte der Frau blieben wie ein kleiner Schatten in ihrem Herzen.

Die zwölf Brüder

Einige Zeit später geschah etwas, das niemand erwartet hatte. Die Gräfin brachte tatsächlich zwölf Kinder auf einmal zur Welt – zwölf winzige Jungen mit rosigen Wangen und goldenen Haarlocken. Eigentlich hätte das ein Grund zur Freude sein sollen, doch damals dachten die Leute, so viele Babys auf einmal könnten nichts Gutes bedeuten.

Irmentrud bekam es mit der Angst zu tun. Was würde der Graf dazu sagen? Was würden die Leute reden? Die Gräfin rief ihre Magd zu sich. „Nimm einen großen Korb“, befahl sie, „und lege elf der Jungen hinein. Trage sie zum Fluss und ertränke sie. Der zwölfte bleibt hier – er allein soll der Erbe des Grafen sein.“

Die Magd erschrak. Elf wehrlose Kinder in den Fluss werfen? Ihr Herz zog sich zusammen. Doch sie wagte nicht, der Gräfin zu widersprechen. Also tat sie, wie ihr geheißen wurde, legte die elf Brüder behutsam in den Korb und schlich sich aus der Burg.

 

Der Graf entdeckt die Wahrheit

Auf dem Weg zum Fluss lief die Magd schluchzend durch den Wald. Die Vögel zwitscherten fröhlich, als sei nichts geschehen, aber die Magd fühlte sich, als würde ihr Herz brechen.

Plötzlich hörte sie Hufschläge hinter sich. Der Graf ritt auf seinem prächtigen Pferd aus dem Wald. „Was trägst du da, Mädchen?“ fragte er freundlich.

Die Magd erschrak so sehr, dass sie kaum sprechen konnte. „Nichts Besonderes, Herr… nur… elf junge Hunde. Die Gräfin will, dass ich sie im Fluss ertränke, weil sie das Gebell nicht mag.“

Der Graf runzelte die Stirn. „Lass mich sehen.“ Zitternd hob die Magd den Deckel des Korbes. Als der Graf die winzigen Babys sah, wurde sein Gesicht hart wie Stein. „Erzähl mir die Wahrheit, Mädchen“, sagte er mit leiser, gefährlicher Stimme.

Da brach die Magd in Tränen aus und erzählte ihm alles.  Der Graf schwieg eine Weile, dann sagte er: „Du wirst der Gräfin sagen, dass du ihren Befehl ausgeführt hast. Aber die Kinder werde ich retten.“

Er nahm den Korb und brachte die elf Brüder heimlich zu einer Müllerfamilie, die weit entfernt von der Burg lebte.

 

Ein großes Fest und ein Geheimnis

Jahre vergingen, und die elf Jungen wuchsen beim Müller zu fröhlichen, starken Kindern heran. Sie wussten nicht, dass sie eigentlich Söhne eines Grafen waren.

Eines Tages lud der Graf zu einem großen Fest in seiner Burg. Alle vornehmen Leute kamen, und es gab köstliches Essen und viel Musik. Während des Festes erzählte der Graf plötzlich eine Geschichte:

„Stellt euch vor, es gab einmal eine Mutter, die so grausam war, dass sie ihre eigenen Kinder wie junge Hunde ins Wasser werfen ließ. Was meint ihr, welche Strafe so eine Mutter verdient?“

Die Gäste murmelten empört, und die Gräfin wurde blass. Schließlich sagte sie zitternd: „Eine solche Mutter verdient den Tod.“

Da öffnete sich die große Tür, und elf stattliche Jungen traten mit dem Müller in die Halle. Alle verstummten vor Staunen.

„Das sind eure Söhne“, sagte der Graf mit fester Stimme zu seiner Frau. „Und das ist die Wahrheit, die du vor mir verbergen wolltest.“

 

Die Welfen

Die Gräfin fiel auf die Knie und weinte bitterlich. „Vergib mir!“ flehte sie.
Die Gäste blickten schweigend auf die Szene. Schließlich traten die elf Brüder vor und baten ihren Vater, ihrer Mutter zu vergeben.

Nach einem langen Moment nickte der Graf. „Eure Mutter soll leben“, sagte er. „Aber alle sollen wissen, was sie getan hat, damit niemand ihre Fehler wiederholt.“

Von diesem Tag an nannte man die Brüder „die Welfen“, und sie wurden eine starke und stolze Familie. Die Gräfin bereute ihre Taten und bemühte sich, eine bessere Mutter zu sein.

Und so blieb die Geschichte der Welfen im Gedächtnis der Menschen, nicht nur wegen der Brüder, sondern auch wegen der Botschaft: Ehrlichkeit und Vergebung sind stärker als jeder Fehler.